Du weißt doch, Frauen taugen nichts

Carolas 1. Flucht, 1. Tag

Ort: Herzogtum Lauenburg. Schmielau und Ratzeburg.

Ein herrlicher Sonntag im Sommer.


Wir wollten an diesem Tag, mit unseren Freunden zusammen, nach dem kleinen Ort Schmilau, ungefähr fünf Kilometer südlich von Ratzeburg fahren, in dem es einen kleinen Freizeitpark gibt. Von dort war geplant, auf einer stillgelegten Bahngleisstrecke, mit einer Draisine nach Ratzeburg und wieder zurückzufahren. Es war ein lang geplanter Sonntagsausflug von Carmen, Hans, Peter und Carola. Ein Geburtstagsgeschenk für Horst, der zwar bereits vor ein paar Monaten Geburtstag gehabt hatte, da allerdings die Vorbereitung für solch eine waghalsige Expedition nun einmal mehrere Monate in Anspruch nimmt, wurde erst jetzt etwas daraus. Treffpunkt für den Aufbruch dieser Expedition war die Kneipe von Horst. Dort angekommen wollte Carola mit Carmen zusammen in ihrem Auto fahren, mal wieder ein Frauengespräch führen. Wir restlichen setzten uns bei Hans ins Auto und führen los. Das Wetter war, wie immer in diesem Sommer, toll. Es würde ein schöner Tag werden. Auf der Fahrt nach Schmilau musste ich allerdings ständig an Carola denken. Seit ihrem Ausbruch bei mir im Bad war sie wie verwandelt, und das hatte sich auch, als wir die anderen vor der Kneipe von Horst getroffen hatten, nicht gebessert. Im Gegenteil. Ihr Verhalten war, während wir vor der Kneipe auf Horst warteten, noch abweisender, und das fast schon in einer aggressiven Art und Weise mir gegenüber, wie ich es bei ihr noch nie erlebt hatte.

 

Wobei „noch nie“ falsch war. Ihre berüchtigte „mich Verurteilungs-E-Mail, sechs Jahre vorher, war auch aggressiv gewesen. Aber so weit zurück dachte ich damals, auf den Weg nach Schmilau, nicht.

 

Im Freizeitpark Schmilau angekommen, setzten wir uns erst einmal alle an einen langen Tisch, der dort im Freien für die Besucher aufgestellt war, und machten Lunchpause. Die Fahrt mit der Draisine würde einige Kondition und Kraft fordern, da mussten wir uns vorher ordentlich stärken. Carola sorgte dafür, dass sie so weit wie möglich von mir entfernt, sich hinsetzen konnte, in dem sie wartete, bis ich mich selbst gesetzt hatte. Dann erst setzte sie sich an das andere Ende des Tisches. Weiter weg von mir, sollte sie nicht so verwegen sein, sich gleich ganz an einen anderen Tisch zu setzen, ging nicht.

Frisch gestärkt bestiegen wir dann eine Draisine, und mit Muskelkraft ging es Richtung Ratzeburg. Kreuzten die Gleise eine Landstraße, musste vor der Straße gehalten werden. Zwei von uns hielten mit Fahnen den Straßenverkehr auf, die Draisine fuhr auf die andere Straßenseite, die beiden mit den Fahnen wurden wieder eingesammelt, und es ging weiter. Während die Männer abwechselnd mit Muskelkraft die Draisine weiter Richtung Ratzeburg bewegten, Carmen sich die Landschaft anschaute, stand Carola in der hintersten Ecke der Draisine, starrte auf dessen Fußboden oder in die Landschaft, ständig bemüht meinem Blick auszuweichen.

So kamen wir in Ratzeburg am Bahnhof an, an dem das Draisine-Gleis an einem Poller endete. Wir bummelten alle den Bahnsteig längs zum Bahnhofscafé, schauten uns da ein bisschen die Umgebung an, klönten ein bisschen, und wollten dann langsam wieder Richtung Schmilau zurückfahren. Carola war mir, stumm wie ein Fisch, die ganze Zeit ausgewichen. Als sie sich immer noch stumm wieder Richtung Draisine schlich, hängte ich mich an ihre Fersen und ging auch stumm, ungefähr zwei Meter neben ihr, in Richtung der Draisine. Die anderen hatten sich noch in dem Bahnhofscafé etwas angesehen, Carola und ich waren alleine auf dem Bahnsteig. Näherte ich mich ihr, wich sie aus, achtete darauf, dass der Abstand gewahrt blieb.

Plötzlich, völlig unerwartet, stürmte Carola auf mich zu und umschlang mich mit beiden Armen. Sie presste sich an mich, ich kann es gar nicht anders beschreiben, wie eine Ertrinkende auf dem weiten einsamen Meer, die plötzlich auf einen großen schwimmenden Baumstamm gestoßen war, und diesen voller Verzweiflung und Hoffnung auf Rettung, umklammerte. Ich schien für eine Ertrinkende der einzig vorhandene Rettungsring, auf der einsamen, gefährlichen, großen See zu sein. Ich war erstaunt, verwirrt, und da das alles völlig unerwartet passierte, total von den Socken. Anders war es nicht zu beschreiben. Genau die Gefühle hatte ich, als Carola mich regelrecht umklammerte und sich an mich presste.

Vorsichtig legte ich meine Arme, oberhalb ihrer Hüften, um sie, drückte sie vorsichtig, obwohl das eigentlich nicht ging, da sie sich schon fest an mich presste, näher an mich.

Mädchen, was ist denn los mit dir“, fragte ich, so zärtlich, wie es nur ging.

Sofort ging durch Carola ein Ruck. Sie stieß mich weg. Ich konnte ihren Gesichtsausdruck sehen. Ein gequälter, total verzweifelter Ausdruck, der sich in dem Augenblick, als ich ihn zu sehen bekam, wieder in die abweisende, steinerne Maske veränderte, wie sie es schon den ganzen Tag gewesen war.

Nichts. Mit mir ist nichts.“

Und schon ging sie wieder stumm, mit versteinertem Gesicht auf den Bahnsteig vor sich blickend, zwei Meter neben mir her. Kam ich ihr näher, wich sie mir wieder aus.

Was ist mit dir?“

Keine Antwort. Ein weiterer Schritt zur Seite, von mir weg.

Das war es für heute. Es war kein Herankommen mehr an Carola. Die anderen stießen zu uns, wir fuhren alle mit der Draisine wieder zurück nach Schmilau, fuhren von dort wieder mit den Autos nach Lübeck, und saßen den Abend bei Carmen und Hans im Hinterhof, bis es dunkel wurde.

Irgendwann gingen Carola und ich nach Hause, gingen dort ins Bett, um zu schlafen, wobei ich mir nicht klar war, ob Carola wirklich schlief oder nur so tat. Auf jeden Fall hatte sie abweisend den Rücken zu mir gewandt, und lag wie ein Eisklotz neben mir und blockte jeden Annäherungsversuch von mir ab. Ich legte mich mit offenen Augen auf den Rücken und grübelte. Aber die Gedanken liefen im Kreis, ohne an ein Ziel zu kommen.

Wow – was für ein Sonntag. Irgendwie hatte ich ihn mir anders vorgestellt. Vor knapp vierundzwanzig Stunden, am gleichen Ort, hatte es noch geheißen, sie fühle sich bei mir sauwohl, und ich wäre der Richtige.

 


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Berthold Kogge

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